Donnerstag, 13. Mai 2010

DYNAMO OPEN AIR 1992


Mein kulturelles Leben fing, wie bei vielen anderen vielleicht auch, erst mit dem Erhalt des Führerscheines so richtig an. Will heißen, davor war es schier unmöglich (zumindest für mich) mal über die Grenzen von Karlsruhe hinaus zu kommen, zumindest was meine musikalischen Interessen anging. Doch mit dieser neuen Unabhängigkeit war ich praktisch von einem auf den anderen Tag in eine völlig andere und vor allem neue Welt katapultiert worden. Zu Beginn waren "Reisen" nach Freiburg, Mannheim oder Stuttgart(bäh) schon das höchste der Gefühle und kamen mir damals noch geradezu endlos lange vor. Doch mein Empfinden, was eine weite Strecke (speziell für ein Konzert) war,dehnte sich von Monat zu Monat weiter aus. Doch als im Frühjahr 1992 mein Kumpel auf die Idee kam, diesen Sommer gerade mal so nach Eindoven zum legendären DYNAMO zu fahren, sollte ich meine räumlichen Grenzen ein für alle Mal ablegen. Dieses Open-Air war zu diesem Zeitpunkt noch absoluter Kult gewesen. Speziell in der Thrash-Metal Welt schien es ein Art Olymp zu sein und nicht zuletzt wegen den Live-Platten von beispielsweise Testament, Sacred Reich oder Forbidden war der Begriff "Live in Eindoven" schon damals (und erst Recht heutzutage) ein Ausdruck von metallischer Qualität! Wir waren eine bunt gemischte Reisegruppe und obwohl wir allesamt schon viel erlebt hatten, brachen wir Freitag mittag auf eine Reise ins Ungewisse auf. Am Start waren neben meiner Wenigkeit noch Palmin, Holgi und irgendein Bollock-Punk, dessen Namen ich heute nicht mal mehr weiß. Palmin hieß natürlich nicht wirklich so, es war ein Spitzname aus der Schule, den er aufgrund seiner speck-glänzenden Haut und seinen fettigen Haaren hatte. Warum sonst sollte man jemanden auch Palmin nennen. Wir alle hatte das Nötigste dabei, ein bissl Proviant, nen Schlafsack und was man halt so für einen Wochenend-Ausflug mit nimmt. Doch nicht so unser Bollock-Punk, der locker flockig mit 2 Six-Packs und dem was er am Körper hatte ankam, na ja, wenigstens hatte er sich die Haare noch frisch gefärbt, da braucht man ja auch keine Zahnbürste mehr.
Also ging es mit Palmin's ranzigem Peugeot 406 auf ins ferne Holland. Die Tatsache, daß die kompletten Polster mit Hundehaaren bedeckt waren, und man bereits nach ein paar Minuten wie ein Yeti aussah, war uns dann auch egal, Hauptsache wir waren endlich auf der Piste. Natürlich lief nur feinste Mucke im Auto, aber irgendwo im Rheinland bemerkten wir dann, daß der Beat der Musik ab und an durch einen anderen stampfenden Sound übertönt wurde. Dieses andere Geräusch vernahmen wir zwar seit Beginn der Fahrt, doch fand diese Information erst 300 (!) Kilometer später den Weg zu unseren Gehirnen. Am nächsten Parkplatz dann der Schock: am Reifen vorne links war eine Tennisball-große Beule heraus gequollen.
Doch als Palmin das sah war er sichtlich erleichtert. Er dachte, es sei was Schlimmes (!!!). Mit dieser Beule fährt er schliesslich schon ne Weile durch die Gegend, sie sei heute lediglich etwas größer geworden, aber sicher kein Grund zur Panik.
Nun, wir hörten auf die beruhigenden Worte unseres kleinen fettigen Freundes. Damals dachte ich aber so bei mir selbst, ob aus ihm nicht eher die Unmengen von Mariuhana sprachen als eine nüchterne Sicht der Dinge, aber diesen Gedanken behielt ich besser für mich.
Es ging weiter und Oh Wunder der Gummi-Technik, wir kamen heil in Eindhoven an.
Die Stadt war von Metal-Fans regelrecht belagert. Da es rund um das Festival keinen Camping-Platz gab, wurden eben Vorgärten, Parkplätze ja sogar Verkehrsinseln als solche missbraucht.
Überall standen fremde Autos, Camper oder Zelte in der Gegend herum. Aber da die Holländer einfach ein cooles Volk sind (weitaus weniger spiessig als unsereins)
war das anscheinend auch kein größeres Problem. Wir stellten die Karre an irgendeiner Strasse ab, welche für die nächste Zeit unser Quartier sein sollte.
Natürlich wollten wir abends in die City, um etwas vom Eindhovener Nachtleben und dessen berühmter holländischer Schönheiten mitzubekommen, also folgten wir den marodierenden Horden von ungepflegten Metal-Heads, die allesamt das Gleiche Ziel wie wir hatten.
Auf dem Weg dorthin war ein McDonalds. Dieses bemitleidenswerte Etablisment hatte die wahrscheinlich einzige öffentliche Toilette im gesamten Umkreis was sich so überhaupt nicht positiv auf die Hygiene und die Sauberkeit dieses stillen Örtchens auswirkte. Der Boden war bedeckt von einer widerlichen Substanz, einem Gemisch aus Pisse, Wasser, Haaren, Bier und aufgeweichten McDonalds-Servietten. Doch den Massen von Leuten machte das rein gar nichts aus, im Gegenteil, diese Gelegenheit sprach sich wie ein Lauffeuer herum und bald standen sich hunderte von dreckigen und die Schliessmuskel zusammen-kneifenden Subjekten vor dem Fastfood-Restaurant die Beine in den Bauch. Und so unmöglich sich das jetzt anhört, aber tatsächlich schafften es drinnen einige äußerst biegsame Typen, in den Waschbecken sogar zu duschen, zumindestauf eine Art und Weise, auf die sämtliche Genitalien durchaus eine angemessene Reinigung erfuhren.
Doch genug von diesem Moloch, wir wollten ja schliesslich in die Stadt. Dort angekommen war es für uns eher wie ein Traum als pure Realität. Die Eindhovener Altstadt glich einer riesigen Partymeile. In jeder zum Bersten gefüllten Kneipe tanzten heiße Blondinen auf den Tischen, aus jedem Club dröhnten elektronische Beats und die Strassen waren voll mit Leuten, obwohl es schon lange nach Mitternacht war. Doch die ganzen Metal-Fans waren waren hier nur Statisten, die Party machten hauptsächlich die Einheimischen, was einem den Eindruck aufzwängte, daß er hier wohl immer so sein müsse. Was für ein krasses und geiles Volk, diese Holländer!
Man sah mehr als einen Auswertigen, der beim vorbeilaufen einer der zahllosen Traumfrauen Probleme hatte, seinen Unterkiefer wieder hochzuklappen.
Dreiviertel unserer Reisegruppe wollten an diesem Abend auch noch einer anderen Leidenschaft fröhnen, welche man hier in Holland bekannterweise sehr ungehemmt und völlig legal ausüben konnte. Kiffen bis die Hallus kommen! Und auch wenn das nichts für mich war, setzte ich mich mit den anderen in einen Coffee-Shop und studierte die abgespaceten Vögel.

Irgendwann am frühen morgen schleppten wir uns hundemüde wieder zum Auto und knackten sofort ein. Nur Palmin wollte sich unbedingt noch eine Tüte drehen, schlief aber ebenfalls ein.
Doch als er am nächsten Morgen aufwachte, war seine Freude groß, denn die Tüte hatte er noch fertig gedreht, und als er seine Äuglein öffnete, lag sie wie ein Geschenk des Himmels auf seiner Brust und zauberte im ein morgendliches Lächeln auf die Lippen. Mit den Worten" Hey, da liegt ja noch ne Dröhntüte" wurde selbige auch schon entzündet und genusslich gefrühstückt.
Während der Katzenwäsche wurde uns ertmals das Ausmaß der Belagerung klar, denn als wir ankamen, war es ja schon dunkel. Jetzt bei Tageslicht, schien die Menge von Leuten noch weitaus größer. Einfach überall lungerten behaarte und vornehmlich schwarz gekleidete Typen herum. Es erinnerte mich etwas an ein Buch aus meiner Grundschulzeit, in denen unser Körper erklärt wurde. Auf einer Seite wurde eine Erkältung dargestellt, wie sie im Inneren aussehen würde. Und damit es auch die etwas langsameren Kinder verstehen konnten, waren sämtliche Bazillen und Viren als kleine schwarze und tatsächlich auch langhaarige Widerlinge dargestellt.
Und eben genauso sah es auf den Strassen, Wiesen und Plätzen Eindvovens aus. Herrlich!
Doch nun zum Hauptevent, dem eigentlichen Konzert.
Es fand auf einer ehemaligen Eisbahn statt und war zu diesem Zeitpunkt noch nicht annähernd das große und durchorganisierte Festival, welches es später werden sollte.
Nein, alles lief völlig entspannt und unbürokratisch ab. Man kam an den Eingang, wurde kurz durchsucht und warf eine 5-Gulden Münze in einen großen Karton. Thats it! Keine Kartenkontrollen (ja nicht mal Karten gab es), keine Barcode-Lesegeräte, keine speckhalsigen Securities, die einen beim durchsuchen fast schon sexuell belästigten.
Das Konzert kostete deshalb nur schlappe 5 Gulden (etwas weniger als 5 Mark), weil es von der Brauerei Heineken gesponsert wurde, was dem ganzen aber keineswegs einen kommerziellen Stempel aufsetzte. Im Gegenteil, obwohl dieses Festival bereits damals annähernd 10.000 Leute anzog, war es auf gewisse Weise auch noch ein Underground-Event.
Im übrigen war dieses Jahr auch das letzte Jahr, in dem dies alles zutraf. Schon im Jahre 1993 war alles anders. Es gab einen langweiligen Camping-Platz, es gab Eintrittskarten, das Festival ging schon über zwei Tage und der Preis schoss von 5 Gulden auf über 40 Gulden.
Doch das alles gab es im jahre 92 noch nicht und deshalb bin ich heilfroh, das letzte richtige Dynamo-Openair erlebt zu haben.
Opener des Tages sollten Corrosion of Conformity sein, doch die mußten ihren Gig leider absagen, doch der Ersatz für sie war mehr als adäquat. HENRY ROLLINS samt Band eröffneten dieses Festival auf ziemlich beeindruckende Weise. Die Hardcore Ikone gab alles, fast wie zu ruhmreichen Black Flag Zeiten. Und obwohl der nur mit einer Short bekleidete und ziemlich zugehackte Sänger mit seiner Musik so gar nicht in das Headbanger-Bild passte, ging die Meute auf die anspruchsvollen Lieder ein und feierte die Band besser als erwartet.
Offengestanden kann ich heute, fast 18 Jahre danach, nicht mehr gänzlich nachvollziehen, in welcher Reihenfolge die verschiedenen Bands gespielt haben, geschweige denn kann ich zu jeder Band oder deren Qualität noch irgend etwas eloquentes sagen. 3 Bands, MY SISTERS MACHINE,LOVE IN ICE und MORDRED (obwohl Letztere eigentlich saugeil sind), liefen wohl damals dermaßen an meinem geistigen Gehör vorbei, daß ich heute keinerlei Erinnerung mehr daran habe. Aber das werd ich grad so überleben.
Die nächste Band, an die ich mich wärmstens erinnern kann waren THE ORGANIZATION
mit ehemaligen Mitgliedern der Thrash-Götter Death Angel. Wahooh! War das ein Brett!
Daran kann ich mich auch heute noch gut entsinnen, ein durch Mark und Bein gehendes Riffing und ein Sänger, der an Aktivität kaum zu überbieten war. Mehr als einmal kletterte er die Bühnenkonstruktion hinauf, um in schwindel-erregender Höhe sein Haupthaar kreisen zu lassen.
Auf alle Fälle einer der ersten Abräumer des Tages.
Als nächstes kamen die Lokalmatadoren PESTILENCE an die Reihe. Und diese nutzen den Heimvorteil von vornherein auch vollstens aus. Anscheinend waren viele Fans nur wegen dieser Band angereist und somit legten die Höllander von Beginn an einen klasse Auftritt hin.Und trotz der Komplexität und des progressiven Sounds, den die Band mit ihrem neuen Album "Testimony of the ancients" im Gepäck hatte, sprang der Funke zur Meute über und einige tausend Leute moshten durch die Gegend. Der erste Höhepunkt (speziell für mich) waren meine damaligen Gothik-Helden von PARADISE LOST. Damals, als sie sich noch nicht dem kompletten Kommerz verschrieben hatten und noch nicht wie ein billiger Abklatsch von Sisters of Mercy über den Äther liefen. Zu dieser Zeit spielten die Jungs noch bahnbrechenden und richtungsweisenden Death Metal, Nick Holmes growlte noch wie ein brünftiger Elch und die Musik war hart und schön, ohne jemals Mainstream zu sein. Mit ihrem Album "Gothik" schrieben die Engländer unbestreitbar Musikgeschichte, welche sich an diesem Tag auch auf die Bühne in Eindhoven transportieren sollte. Es war ein Wahnsinns-Konzert, die Meute tobte und zeitlos schöne Lieder wie Shattered, Eternal oder Rapture wurden richtig gut bemosht!
Doch das nächste Highlight wartete mit der Folk-Metal Band SKYCLAD schon in den Startlöchern. Diese perfekte Mischung aus hartem und melodösem Metal gepaart mit dem virtuosen Geigenspiel von einer wunderschönen Dame namens "Spinning Jenny" traf absolut den Zahn der Zeit und zu den teilweise schon märchenhaften Hymnen der Engländer hüpfte sich fast das gesamte Publikum einen Wolf. Für mich waren die Mannen um den mensch-gewordenen Sprachfehler Martin Walkyier (er hat da ein winziges Problem mit seiner Zunge) der eigentliche Headliner des Tages. Mehr konnte man aus den Leuten nicht rausholen.
Tatsächlicher Headliner waren aber die New Yorker PRONG.
Und es sei mir verziehen, doch obwohl ich diese Band bis heute schon dreimal gesehen habe und ich mir durchaus bewußt bin, wieviele Bands PRONG als immens wichtigen Einfluss ihres Werdeganges bezeichnen, habe ich den Kult um diese Combo nie verstanden. Nie fand ich den Zugang, zu deren Progressivität, schon gar nicht damals! Wer weiß, vielleicht hätte ich heute die Reife und die musikalische Toleranz, einem PRONG Konzert die Aufmerksamkeit zu geben, die es anscheinend verdient. In Eindhoven konnte ich die nicht, und der Hauptact ging wenig beachetet an mir vorbei.
Alles in allem war dieser Ausflug aber totaler KULT! Anreise, Location, Stadt und Leute trugen allesamt dazu bei, daß dies ein unvergessliches Erlebnis wurde, welches meinen Horizont in vielerlei Hinsicht erweitert hat (außer bei PRONG:-)
Eigentlich wollte ich noch das ein oder andere Video oder Bildchen dazu hochladen,
doch diese zuätzlichen Schmankerl fallen leider der damaligen Zeit zum Opfer, denn damals hatte noch nicht jeder Dackel ein Handy oder gar eine Digi-Cam am Start.
SOWAS GAB ES DAMALS NOCH GAR NICHT!
Segen oder Fluch ???
Entscheidet selbst ...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen